Schach in den 90ern

Anfang der 90er, als man gegen Fritz noch locker jedes Endspiel gewinnen konnte, spielten Engines nur eine untergeordnete Rolle. Mit Fritz 5 änderte sich die Situation jedoch schlagartig, denn dieses Programm war durchaus in der Lage, starke Neuerungen gegenüber der im Informator veröffentlichten Theorie zu finden. Meine ersten Analysen machte ich übrigens noch mit einer Hardware-Erweiterung für den PC namens Chess Machine.

Datenbanken gab es damals natürlich auch schon, nicht nur Chessbase (den Dongle habe ich immer noch), sondern auch NiC-Base aus Holland. Aus den Datenbanken habe ich mir meine Vorbilder rausgesucht. Ein Spieler hatte es mir damals ganz besonders angetan, Boris Alterman. Meine Eröffnungsvorbereitung bestand darin, seine Partien zumindest mal gesehen zu haben.

Boris Alterman spielte damals auch sehr erfolgreich den Drachen. Insbesondere hatte er eine Spezialvariante gegen den Aufbau mit 9.0-0-0. Dazu hatte ich tonnenweise Analysen angefertigt, die man natürlich heute komplett in die Tonne treten kann. Damals war das aber noch “State of the Art”, weil man es nicht besser wusste.

In einer langen Partie bekam ich die Stellung leider nie auf’s Brett, dafür aber ein paar andere seiner Varianten im Blitz.

Zwei Trends gingen weitgehend an mir vorbei: Zum einen war es in Mode gekommen, nach Ungarn zu fahren und sich dort quasi den FM-Titel zu kaufen. Zum anderen sprossen dank Engine-Vorbereitung überall neue IMs und GMs aus dem Boden, die zuvor noch 200 Punkte schwächer gespielt hatten. Die Idee bestand darin, ältere Großmeister, die noch auf ihre Karteikarten vertrauten, durch Computerneuerungen vom Brett zu hauen. Wer es nicht glaubt, soll einfach mal bei heute 40-jährigen GMs auf die Elo-Entwicklung achten. Ab 1996 setzt überall der Turbolader ein. Als der Höhepunkt erreicht war, ging Kasparov in Rente, denn er hatte keinen strategischen Eröffnungsvorteil mehr. Weil die Elo-Quellen ausgetrocknet waren, wendeten sich viele dem Poker zu.

Bemerkenswert ist übrigens auch, dass Carlsen ein Konzept aus dem Poker namens “Small Ball” im Schach zum Erfolg geführt hat.