Framework

Ich lege hier ein Framework für die Drawmeister-Strategie vor, so wie sie mir zumindest selbst vorgeschwebt hat.

Jeder Spieler, der ein Repertoire aufbaut, merkt irgendwann, dass die Arbeit nie abgeschlossen ist. Wir sprechen hier von einer Lebensaufgabe. Dabei muss man notgedrungen Prioritäten setzen. Der Tag, an dem man alles perfekt im Griff hat, kommt nie.

Bei mir war es zum Beispiel so, dass in meinem Verein und auch in der Liga extrem viel Königsindisch gespielt wurde. Das war einfach wegen Kasparov damals groß in Mode. Königsindisch stand damit automatisch im Fokus meiner Vorbereitung. Wenn ich in meine Datenbank schaue, dann habe ich 12 Partien in der Hauptvariante gespielt und dabei eine Elo-Performance von 2398 erzielt. Das lag letztlich auch nur daran, dass ich in einigen Gewinnstellungen noch irgendwelche taktischen Tricks zugelassen habe. Anyways, ich war damals im Königsindisch auf dem aktuellen Stand der Theorie, jedenfalls wie man ihn in den Büchern von John Nunn und Joe Gallagher dargeboten bekam.

Völlig anders lief es jedoch z.B. im QGD/Damenindisch. Schon damals stellte sich die Frage, ob man diesen gesamten Komplex nicht irgendwie “abklemmen” könne. Als Antwort bot sich hier Katalanisch und die Remisvariante nach Lg5 an. Das Ergebnis war eine Performance von 2255, zufällig auch über 12 Partien.

Ich hoffe man sieht, worauf ich hinaus will. Die Idee besteht ganz einfach darin, sich auf seine Stärken zu konzentrieren, und den Rest mit Hilfe von forcierten Remisvarianten auszublenden. Wenn man vom Gegner eine solche unangenehme Variante vorgesetzt bekommt, dann holt man damit 50%, zumindest in der Theorie. In der Praxis ist es natürlich nicht so einfach. Das habe ich selbst oft genug gemerkt, und die Idee nicht weiter verfolgt. Damals war mir allerdings noch nicht klar, dass dieser Ansatz im Spitzennivau an der Tagesordnung ist. Das habe ich erst gemerkt, als ich damit begann, solche Partien zu sammeln. Es gibt insoweit auch die “üblichen Verdächtigen”. Bei manchen glaubt man es gar nicht.

Wenn man das forcierte Remis sowohl als Waffe gegen Favoriten, als auch zum Risikomanagement einsetzt, ist die Thematik nicht zu unterschätzen. So blöd, wie er auf den ersten Blick wirkt, ist dieser Ansatz mit Sicherheit nicht. Er hat seine Berechtigung.

Wenn der Gegner solche Varianten vermeiden möchte, was natürlich möglich ist, muss er gewisse Zugeständnisse machen. Ob es ein Zugeständnis darstellt, z.B. im Spanier auf den Marschall-Angriff zu verzichten und dafür das Breyer-System zu spielen, ist fraglich, aber es kanalisiert zumindest den Vorbereitungaufwand. Marschall wird wegremisiert, im Breyer darf nichts anbrennen.

 
P.S.: In einem Banterblitz auf chess24 habe ich Svidler nach dem Stellenwert des “Freerolls” im Spitzenschach gefragt. Er meinte, das Konzept hätte durchaus eine Berechtigung, und verwies auf folgende Partie, in der Schwarz den Test nicht bestanden hat.