Königssicherheit

Hier hätten wir das nächste Beispiel für eine völlig verfehlte Eröffnungsbehandlung. Wie schon bei Duda muss man dazu keine Engine einschalten, denn man kann auf den ersten Blick erkennen, was schief gelaufen ist. Weiß hat zugelassen, dass eine Bauernwalze auf seinen König zurollt. Zugegeben hat Caruana den Königsangriff brilliant exekutiert, aber das klappte nur, weil Donchenko ihm diesen Elfmeter auf’s Brett gestellt hatte.

Natürlich gibt es eine einfache Erklärung: Donchenko hat diesen Angriff bewusst zugelassen, weil er für Caruana keinen konkreten Gewinnweg sah. Das kann passieren, wenn man jede Stellung als reines Rechenproblem auffasst. Wer wie Stockfish vorurteilsfrei an Schach herangeht und damit die “Schachkultur” über Bord wirft, darf man sich nicht verrechnen. Es gibt keine Entschuldigung.

Mit anderen Worten: Wenn man auf Basis von Stellungsgefühl entscheidet, nimmt man auf c5, wenn man es berechnet, auch.

 
Konzeptionell kann man sich die Frage stellen, ob Weiß die Rochade nicht zurückstellen sollte. In der folgenden Partie klärt Gelfand zuerst die Struktur im Zentrum. Am Ende verliert er zwar, aber es hatte nichts mit der Eröffnung zu tun.

Englisch mit b3

Wer sich intensiver mit der Logik des Owen-Systems beschäftigt, kommt irgendwann auf die Idee, es auch mal mit Weiß zu versuchen. Was man dabei relativ schnell merkt, ist, dass es nicht funktioniert, wenn Weiß zu früh Sf3 spielt, denn danach fehlt der Hebel f4, um das schwarze Zentrum anzugreifen. Wenn man den Aufbau mit b3 spielen möchte, muss man warten, bis Schwarz Sf6 gespielt hat. Wenn Schwarz ohne Sf6 spielt, klappt es gar nicht.

Hier ist die Beweisführung, demonstriert von Grandelius, der Duda einfach komplett zusammenschiebt. Im Vergleich zum üblichen Normalaufbau gegen das Botvinnik-System ist Weiß offenkundig viel zu langsam. Im Zentrum und am Königsflügel geht nichts, und am Damenflügel verliert er ein Tempo auf b4 und sein Läufer blockiert die b-Linie. Die Stellung ist eine komplette Katastrophe. Es ist nur noch eine Frage offen: Warum in aller Welt spielt Duda solchen Müll? Sollte er es nicht wesentlich besser wissen? Nun, diese Partie ist sein Lehrgeld. Mittlerweile weiß er es besser.

Bleibt noch zum Abschluss das typische Totschlagargument gegen jegliche Kritik von Seiten schwächerer Spieler: Duda hat Elo 2736!
Stimmt, aber würde er eine Eröffnungskatastrophe, wie in dieser Partie vermeiden, hätte er mit Sicherheit eine noch bessere Elo.

Airtight Tournament Strategy

Wesley So is currently taking the heat for making quick draws in the Airthings Masters. That is totally underserved. What is doing is exploiting the tournament structure that simply calls for it. Besides that it always takes two to make a quick draw, which means that his opponents don’t even try to beat him. If +1 is enough to qualify and everyone knows it, they don’t take risks. If nobody takes risks then making quick draws has no downside. That’s exactly what Wesley is doing. Is that ugly? Yes, it certainly is. How do you fix it? You increase the number of players and add a few weaker ones. That introduces so much variance that aiming for +1 is too risky.

 

Männer und Frauen

Jedes mal dieselbe Frage, und ich kann es wirklich nicht mehr hören: Warum gibt es für Frauen eigene Titel und Turniere?

Der Antwort kann man sich intuitiv nähern, wenn man realisiert, dass die aktuelle Weltmeisterin Ju Wenjun mit Elo 2560 zwar die Nr. 2 der Frauenrangliste, aber nur die Nr. 404 der Weltrangliste ist. Sofern es keine andere Erklärung gibt, liegt es an den Genen.

Dieser genetische Grund könnte sein, dass die Erbanlagen für Intelligenz fast ausschließlich auf dem X-Chromosom liegen. Das heißt, dass Männer und Frauen zwar im Durchschnitt gleich intelligent sind, aber Männer leichter Ausreißer nach oben (und unten) produzieren können. Wir sehen es, aber wollen es nicht glauben.

 

Das Owen-System

Im Holländer blockiert Schwarz durch den Zug f5 die natürliche Entwicklung seines Damenläufers. Bleibt noch die Entwicklung nach b7, aber genau das verhindert Weiß durch das Fianchetto seines Königsläufers.

Dieselbe Logik kann man umdrehen, wenn Weiß 1.c4 spielt. Dann blockiert er die Entwicklung des Königsläufers, und Schwarz kann nun versuchen, dies seinerseits durch ein Fianchetto zu bestrafen.

Weiß kann jedoch im nächsten Zug d4 spielen, und Schwarz sollte dies aus konkreten Gründen mit e6 beantworten.

Wenn wir die Zugfolge umstellen, wird klar, dass Französisch Teil des Repertoires sein muss.

Was sind nun diese “konkreten” Gründe? Es ist folgende Variante:

So interessant das System mit b6 auch erscheint, auf 1.e4 und 1.Sf3 ist es nicht spielbar, weil Weiß ohne c4 auskommt und damit die logische Begründung für den gesamten Aufbau wegfällt.

Der Vorteil an solchen in sich geschlossenen Gesamtkonzepten ist, dass es keine Entscheidungsprobleme gibt. Soll ich Grünfeld mit Berliner Mauer kombinieren, oder doch lieber mit Najdorf? Nein! Es gibt nur einen Weg, und der ist streng determiniert. Es überrascht auch nicht, dass Georg Meier gerne Katalanisch spielt.

 

Fairerweise muss man zugeben, dass Morozevich das System wieder populär gemacht hat. Er war damit natürlich auch nicht immer erfolgreich. Gegen Kramnik zu verlieren, ist keine Schande.

Twitch: Arkadij Naiditsch

GM Arkadij Naiditsch streamt neuerdings auf Twitch!

Obwohl er 10 Jahre lang unsere Nr. 1 war, ist er medial unter dem Radar geblieben. Das ist schade, denn Weltklasserspieler wachsen nicht auf Bäumen, und deutsche schon gar nicht. Mittlerweile spielt er für die Azeris, aber das muss nicht dauerhaft so bleiben.

Deshalb finde ich es sehr begrüßenswert, dass sich nun dazu entschlossen hat, auf deutsch zu streamen. Vom Stil her dürfte er im positionellen Anti-Drawmeister-Camp anzusiedeln sein. Er spielt kaum forciere Varianten und ist besonders stark in Move-Order-Tricks. Er kommentiert viel, löst Studien und spielt auch gegen Follower. Mehr kann man sich eigentlich nicht erhoffen.

Meet the Breydorf

Yesterday Naka came up with an interesting concept to take MVL out his book of forced equalizers. The move is 3. Bc4 and one of his discoveries was that the transposition to the Breyer is viable.

It took MVL a couple of attempts to find the correct approach.

“Druckkündigung”

Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Das hat nun auch Dorian Rogozenco erkennen müssen. Nach einem “offenen Brief” einiger Kaderspieler, kam es zu einer Vertragsauflösung. Das ist natürlich keine Druckkündigung, aber de facto dasselbe.

Die Frage ist und bleibt natürlich: Woran hat es gelegen?

Aus der sicheren Entfernung meines Wohnzimmers lautet meine Vermutung, dass es eines klassischen “Trainers” heutzutage nicht mehr bedarf. Die Spieler, zumindest die Herren, sind allesamt stärker als der Trainer, und alle benutzen ohnehin dieselben Engines. Es gibt demzufolge keine “zweite Meinung”, auf die man ohne den Trainer von selbst nie gekommen wäre. Der Rest sind organisatorische Aufgaben, für die es keines Großmeisters bedarf. Auf diesem Sektor zählen andere Fähigkeiten, an denen es Rogozenco zumindest nach Meinung seiner Schützlinge fehlte.

Dunning-Kruger-Effekt

Wer “geniale” Theorien aufstellt, sollte sich auch mal mit dem “Dunning-Kruger-Effekt” beschäftigt haben. Keine Angst, das ist mir durchaus bewusst. Dazu unten mehr…

Die Grundaussage der Studie besagt, dass man seine eigene Leistung nicht selbst beurteilen kann. Diese Erkenntnis hat weitreichende Bedeutung. Ein Aspekt ist die Frage, wie man sein Spiel verbessern soll, wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich falsch macht. Man kann sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Auch Meditieren verspricht keine Besserung.

Um sich zu verbessern ist man zwingend auf eine Stimulation von außen angewiesen. Das kann eine Partie sein, die man im Internet verfolgt, ein Buch, die Engine, ein Trainer, egal. Es kann aber auch der Gegner sein, gegen den man gerade verloren hat. Deshalb ist es besser, überregional gegen hochklassige Gegner anzutreten, als in einem Dorfverein jedes Jahr die Meisterschaft abzuräumen.

Das Schöne am heutigen Schach ist, dass wir eine kostenlose relativ objektive Bewertung durch Engines bekommen. Wir können damit unsere Hypothesen experimentell überprüfen. Es ist allerdings auch gleichzeitig ein Nachteil, denn diese Möglichkeit haben auch unsere Gegner. Wir trainieren unsere neuronalen Netze heute mit Engines, was zu einem rapiden Anstieg der Qualität in fast allen Spielklassen führte. Das erklärt auch die “Elo-Inflation”.

Damit kommen wir zur Kernerkenntnis der Leistungsgesellschaft: Wenn alle freien Zugang zu denselben Information haben, hängt das Ergebnis nicht von der Qualität der Information ab, sondern von der Quantität und den physischen Fähigkeiten der Spieler.

Was das von mir vorgeschlagene “System” anbetrifft, so basiert es darauf, dass die damit identifizierten Kandidatenzüge sehr stark mit den Top-Empfehlungen von Engines korrelieren. Mit anderen Worten, die Hypothese lässt sich leicht experimentell erhärten.

Play it safe!