“Druckkündigung”

Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Das hat nun auch Dorian Rogozenco erkennen müssen. Nach einem “offenen Brief” einiger Kaderspieler, kam es zu einer Vertragsauflösung. Das ist natürlich keine Druckkündigung, aber de facto dasselbe.

Die Frage ist und bleibt natürlich: Woran hat es gelegen?

Aus der sicheren Entfernung meines Wohnzimmers lautet meine Vermutung, dass es eines klassischen “Trainers” heutzutage nicht mehr bedarf. Die Spieler, zumindest die Herren, sind allesamt stärker als der Trainer, und alle benutzen ohnehin dieselben Engines. Es gibt demzufolge keine “zweite Meinung”, auf die man ohne den Trainer von selbst nie gekommen wäre. Der Rest sind organisatorische Aufgaben, für die es keines Großmeisters bedarf. Auf diesem Sektor zählen andere Fähigkeiten, an denen es Rogozenco zumindest nach Meinung seiner Schützlinge fehlte.

Dunning-Kruger-Effekt

Wer “geniale” Theorien aufstellt, sollte sich auch mal mit dem “Dunning-Kruger-Effekt” beschäftigt haben. Keine Angst, das ist mir durchaus bewusst. Dazu unten mehr…

Die Grundaussage der Studie besagt, dass man seine eigene Leistung nicht selbst beurteilen kann. Diese Erkenntnis hat weitreichende Bedeutung. Ein Aspekt ist die Frage, wie man sein Spiel verbessern soll, wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich falsch macht. Man kann sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Auch Meditieren verspricht keine Besserung.

Um sich zu verbessern ist man zwingend auf eine Stimulation von außen angewiesen. Das kann eine Partie sein, die man im Internet verfolgt, ein Buch, die Engine, ein Trainer, egal. Es kann aber auch der Gegner sein, gegen den man gerade verloren hat. Deshalb ist es besser, überregional gegen hochklassige Gegner anzutreten, als in einem Dorfverein jedes Jahr die Meisterschaft abzuräumen.

Das Schöne am heutigen Schach ist, dass wir eine kostenlose relativ objektive Bewertung durch Engines bekommen. Wir können damit unsere Hypothesen experimentell überprüfen. Es ist allerdings auch gleichzeitig ein Nachteil, denn diese Möglichkeit haben auch unsere Gegner. Wir trainieren unsere neuronalen Netze heute mit Engines, was zu einem rapiden Anstieg der Qualität in fast allen Spielklassen führte. Das erklärt auch die “Elo-Inflation”.

Damit kommen wir zur Kernerkenntnis der Leistungsgesellschaft: Wenn alle freien Zugang zu denselben Information haben, hängt das Ergebnis nicht von der Qualität der Information ab, sondern von der Quantität und den physischen Fähigkeiten der Spieler.

Was das von mir vorgeschlagene “System” anbetrifft, so basiert es darauf, dass die damit identifizierten Kandidatenzüge sehr stark mit den Top-Empfehlungen von Engines korrelieren. Mit anderen Worten, die Hypothese lässt sich leicht experimentell bestätigen.

Good question

Since finding forced draws isn’t exactly a trivial job, someone asked this question on the internet. No it wasn’t me, but it is obviously a case of great minds thinking alike. Apparently there is something like a Drawmaker, but unfortunately the link is dead.

Tweaking an engine to find forced draws could actually be worth a lot of money, for instance as preparation for a World Championship Match, so it would be an interesting project.

It depends!

Recently I stumbled over this posting about the state of modern chess. The author is asking the question if modern chess is about not playing chess. For the answer see above.

If you are Magnus Carlsen, who must avoid forced draws in order to protect his rating, you should look for openings with a non-forcing character. That’s why you hardly ever see him playing the Grünfeld, unless it helps him securing the win in a match. If you are a lesser mortal and holding with black against a strong opponent is your primary goal, then the forced draw is your best bet. If you want to freeroll your opponent with white, then a long irrational variation leading to a forced draw should at least be considered.

Freeroll: Ein Beispiel

Hier haben wir ein Beispiel für den Freeroll in der Praxis. Meine Vorbereitung, wobei natürlich die Stärke der damaligen Engines berücksichtigt werden muss, führte zu einem Endspiel mit symbolischem Mehrbauern. Meine Hoffnung war, dass mein Gegner die beste Verteidigung nicht am Brett findet, und so kam es auch. Am Ende fehlte mir ganz einfach die Kondition. Schach ist nicht leicht.

Merke: Die Stellungebewertung pendelt über 40 Züge lang zwischen +3 und +5. Die Länge der Partie hat natürlich auch damit zu tun, dass der Gegner nicht aufgegeben wollte. Nichts desto trotz ist sie auch ein guter Indikator für meine schwache technische Verwertung. Ich wollte die Partie im Endspiel gewinnen, und nicht im Mittelspiel. In der Theorie macht es keinen Unterschied, denn mehr als einen Punkt kann man nicht erzielen. Theorie und Praxis sind dasselbe, in der Theorie, aber nicht in der Praxis. Am Ende war alles für die Katz: Das strategische Konzept, die Vorbereitung und 6 Stunden Arbeit am Brett. In Erinnung bleibt nur Frustration.

Distant Opposition

Young Alireza still has to learn a few lessons it seems. With Carlsen he had the best teacher available, but unfortunately the lesson wasn’t free. It could have costed him about $ 10.000 in prize-money if Aronjan manages to catch up in the last round.

This game is also a nice example for accuracy, which can be measured in centipawns. It took Carlsen 38 moves to win a pawn. Engines evaluate the resulting position with -0.5 because of the opposite colored bishops. This means that Carlsen roughly played 0.01 centipawns better that Firouzja on average. Carlsen did manage to trade his bishop for the knight on move 54 and win the pawn on h5, but the resulting ending was theoretically drawn. Yet Firouzja managed to lose in severe time trouble. If we look at this game on Chessbomb, it’s nothing but blue moves until the very end, when one red move made all the difference.

 

Source: The Cincinnati Kid

Causa Petrosyan

Eigentlich muss ich nichts dazu schreiben, das Verlinken des Artikels ist ausreichend.

Ok, etwas schreibe ich dennoch: Online-Schach für Geld ist ein Witz! Da kann jeder bescheißen, wie er gerade lustig ist. Das müssen noch nicht mal konkrete Zugvorschläge einer Engine sein. Allein das Wissen, dass die Bewertung gerade gekippt ist, stellt einen massiven Vorteil dar. Hinterher ist es nicht nachweisbar.

Am Ende sind die Ehrlichen – wie so oft im Leben – die Dummen.

Caro Kann is back!

All of a sudden the Caro Kann is making a comeback in virtually every high-class blitz tournament. Carlsen played it, Firouzja played it, Harikrishna played it and Grischuk played it as well. Probably Stockfish 12 has found something, I didn’t check. They all had to face the Advance Variation, so the issues in the Two Knights Variation must have been fixed. Here is where to look for:

Zukunftschancen

Wie das Schachmagazin vom Bodensee berichtet, ist sich Matthias Blübaum bezüglicher seiner beruflichen Karrerie noch nicht sicher, während Vincent Keymer sich nach dem Abi erst mal ganz auf Schach konzentrieren möchte. Wir halten fest, dass der eine an der Schwelle zu 2700 kratzt, während der andere gerade mal die 2550 überschritten hat.

Wie sieht die Sache relativ aus? Blübaum ist aktuell die Nr. 81 der Weltrangliste, Keymer ist Nr. 350, aber bei den Junioren die Nr. 24. Der wichtigste Indikator für die Zukunft ist jedoch nicht das Rating im klassischen Schach, sondern das Rating im Blitz.

Zum Vergleich: Bei den Damen wäre man mit 2568 die Nr. 3 der Weltrangliste, sogar noch knapp vor der Weltmeisterin. Elli Pähtz liegt dort mit 2472 auf Rang 19. Nach ihr kommt lange niemand.

 
Nachtrag: Das Match mit Caruana war in der Tat ernüchternd. Es beginnt schon damit, dass Blübaum sich permanent fragt, ob sich Caruana vorbereitet habe. Hallo? Der macht den ganzen Tag lang nichts anderes. Bei einer solch naiven Herangehensweise darf man schon mal die Frage stellen, wieso Blübaum eigentlich so erfolgreich ist. Anyways, hier ist die erste Partie, bei der er eigentlich nur einen signifikanten Fehler gemacht macht. Der Einsteller am Schluss hat Caruana lediglich die technische Verwertung erspart.

Wunderkind

Unser deutsches Wunderkind durfte mal wieder antreten, diesmal gegen Adams. Sicherlich keine einfache Paarung, aber eine Chance um zu zeigen, welches Niveau man erreicht hat.

Anscheinend hat Leko gemerkt, dass das mit Najdorf auf Dauer nix wird. Wenn einfach kein Stellungsgefühl vorhanden ist, bringt die beste Vorbereitung nichts. Was macht man in einer solchen Situation, wenn man keine Berliner Verteidigung spielen möchte? Richtig, natürlich Caro Kann, denn das ist von allen zweitbesten Eröffnungen immer noch die beste. Man könnte auch mal Französisch antesten, insbesondere weil Meier und Blühbaum damit selbst gegen die Weltspitze erfolgreich sind, aber manche Leute sind einfach prinzipientreu. Leko gehört offenkundig dazu.

Anyways, man kann gegen Adams verlieren, aber man sollte nicht verlieren, wenn Adams zweimal den Vorteil wegschmeißt. Da zeigt sich das Kernproblem. Keymer ist nicht nur langsam, sondern auch taktisch anfällig, und in Zeitnot beides umso mehr. Diese Elfmeter wären von Nihal und Praggdanadddanahadaandaaa problemlos versenkt worden. Das sind Wunderkinder, bei denen man sich nicht permanent wundern muss, warum sie als solche gehandelt werden. Ja ich weiß, wir haben kein anderes.

Heute hat er gewonnen, das heißt, der Sieg wurde ihm de facto vom Gegner aufgezwungen. Darüber beschwert man sich nicht.

Play it safe!